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Material als Sprache

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  • Ordnung und Konstruktion: Geometrien des Realen in der Kunst des 20. Jahrhunderts
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abstract sculpture
  • In dieser Ausstellung erscheint Material nicht als bloßer Träger künstlerischer Gestaltung, sondern als autonome Ausdrucksform. Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler aus den UniCredit Kunstsammlungen in Italien, Deutschland und Österreich verdeutlichen, wie Materialität Sinn stiften, Erinnerung formen und neue Erfahrungsräume eröffnen kann. 

    In der Zusammenschau entfalten die gezeigten Positionen ein facettenreiches Spektrum künstlerischer Strategien, in denen Material zum Bedeutungsträger wird, der Körper zum Zeichen und Raum als Denkform erfahrbar wird. Die kuratierte Online-Ausstellung Material als Sprache lädt dazu ein, die Stimmen der Dinge neu wahrzunehmen. Unmittelbar, vielschichtig und überraschend. 

  • Die italienische Künstlerin Sissi bewegt sich mit ihrem Werk zwischen Skulptur, Performance, Zeichnung und Kunsthandwerk. Im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Praxis...
    Sissi
    Over the glance ties the rope, 2008
    Mixed Media / Tecnica mista / Mischtechnik

    Die italienische Künstlerin Sissi bewegt sich mit ihrem Werk zwischen Skulptur, Performance, Zeichnung und Kunsthandwerk. Im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Praxis steht der menschliche Körper, den sie nicht als feste Form, sondern als lebendiges Geflecht von Beziehungen, Bewegungen und Wahrnehmungen versteht. Textile Materialien, Fäden und handwerkliche Techniken spielen dabei eine zentrale Rolle. 

    Sissis Arbeiten entstehen in einem intensiven Dialog mit dem Material. Im sorgfältigen Umgang mit Seilen, Schnüren und anderen Werkstoffen erforscht sie deren Eigenschaften und formt sie zu komplexen räumlichen Gebilden. Durch die unmittelbare Bearbeitung mit den Händen verwandeln sich die Materialien in organisch wirkende Installationen, die an körperliche Strukturen erinnern. 

    Ihre geflochtenen Formen und Verbindungen lassen an Nervenbahnen, Blutgefäße oder andere Systeme denken, die den Körper durchziehen und zusammenhalten. Anorganische Materialien werden dabei zu Trägern von Bewegung, Wachstum und Leben. 

    In der Arbeit Over the Glance Ties the Rope verbinden sich Spiegel, Seile und textile Strukturen zu einem Netzwerk aus Blicken, Verbindungen und Beziehungen. Die geflochtenen Schnüre breiten sich wie Lebenslinien im Raum aus und schaffen ein Bild von wechselseitiger Abhängigkeit und Verbundenheit. 

    Die Materialien erzählen von Körperlichkeit, Kommunikation und den unsichtbaren Verbindungen, die Menschen mit ihrer Umwelt verknüpfen. So wird das Material selbst zum Träger von Bedeutung. Sinnlich, poetisch und unmittelbar erfahrbar.

  • Seit den 1990er Jahren konzentriert sich Luca Pancrazzis Forschung auf drei Themen: die Erforschung künstlerischer Medien und ihrer Verästelungen, die...
    Luca Pancrazzi
    Aperundum, 2007
    Mixed technique / Tecnica mista / Gemischte Technik
    66 1/8 x 60 1/4 x 110 1/4 in
    168 x 153 x 280 cm

    Seit den 1990er Jahren konzentriert sich Luca Pancrazzis Forschung auf drei Themen: die Erforschung künstlerischer Medien und ihrer Verästelungen, die kreativen Möglichkeiten des Irrtums und den zusammengesetzten Einsatz von Techniken und Materialien. Er hat sich auf Malerei und Zeichnung sowie auf Fotografie, Video, Installation, Performance und redaktionelle Projekte spezialisiert. 

    Sein Objekt Aperundum (2007) verbindet im Titel „Ape“, die Bezeichnung des berühmten italienischen Dreiradfahrzeugs von Piaggio, mit der lateinischen Endung „-undum“, die vom Gerundiv abgeleitet ist und einen fortdauernden oder im Prozess befindlichen Vorgang bezeichnet.  

    In diesem Fall verwandelt Pancrazzi ein dreirädriges Nutzfahrzeug vollständig durch die Ummantelung mit zahllosen Glasfragmenten. Das vertraute Fahrzeug bleibt zwar als Form erkennbar, erscheint jedoch zugleich fremd und seiner ursprünglichen Funktion enthoben. Die gläserne Oberfläche erzeugt ein faszinierendes Wechselspiel aus Licht, Reflexion und Materialität, das den Blick des Betrachters unweigerlich anzieht. 

    Das Werk bewegt sich im Spannungsfeld von Anziehung und Irritation. Das Glas verleiht dem Fahrzeug eine kostbare, beinahe ornamentale Erscheinung, während seine scharfkantige Struktur zugleich Fragilität und Verletzlichkeit assoziiert. Das Alltagsobjekt wird dadurch zu einer skulpturalen Präsenz, die Fragen nach Wert, Gebrauch und Wahrnehmung aufwirft. Das Glas verändert nicht nur die äußere Erscheinung des Fahrzeugs, sondern auch die Art und Weise, wie wir es lesen und verstehen. 

  • Kurt Schwitters zählt zu den bedeutendsten Wegbereitern der Materialkunst des 20. Jahrhunderts. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte er mit der...
    Kurt Schwitters
    Asbestos Mat (SWI 55)
    Relief, oil, wood, leather and asbestos on wood, nailed / Rilievo, olio, legno, pelle e amianto su legno, inchiodato / Relief, Öl, Holz, Leder und Asbest auf Holz, genagelt
    19 5/8 x 15 5/8 x 2 in
    49.9 x 39.6 x 5 cm

    Kurt Schwitters zählt zu den bedeutendsten Wegbereitern der Materialkunst des 20. Jahrhunderts. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte er mit der MERZ-Kunst eine eigene künstlerische Methode, die auf der Verwendung von Fundstücken und Alltagsmaterialien beruhte. Der Begriff „MERZ“ entstand aus einem zufällig entdeckten Fragment des Wortes „COMMERZ“, das Schwitters in eine seiner Arbeiten integrierte und zum programmatischen Namen seiner Kunst erhob. 

    In seinen sogenannten MERZ-Bildern verband er unterschiedlichste Materialien zu neuen visuellen Zusammenhängen. Nicht die ursprüngliche Funktion der verwendeten Objekte stand dabei im Vordergrund, sondern ihr Potenzial, durch Form, Struktur und Materialität neue Bedeutungen hervorzubringen. 

    Die Arbeit Asbestos Mat von 1943 verdeutlicht diesen Ansatz auf eindrucksvolle Weise. Rechteckige und kreisförmige Elemente fügen sich zu einer reduzierten Komposition, deren Wirkung wesentlich durch die unterschiedlichen Oberflächen, Farben und Materialien bestimmt wird. Die einzelnen Fragmente erscheinen wie Zeichen eines eigenen visuellen Systems, ohne eine eindeutige Lesart vorzugeben. 

    Damit verkörpert das Werk exemplarisch das zentrale Anliegen der Ausstellung Material als Sprache. Schwitters nutzt Material nicht als passiven Werkstoff, sondern als eigenständiges künstlerisches Vokabular. Die ausgewählten Fragmente „sprechen“ über Herkunft, Gebrauch und Zeitgeschichte und treten miteinander in einen visuellen Dialog. Bedeutung entsteht nicht durch Darstellung allein, sondern durch die Beziehungen zwischen den Materialien selbst.  

  • Die Arbeit Okay von Via Lewandowsky bezieht sich auf das sogenannte Voynich-Manuskript, eines der rätselhaftesten Bücher der Welt. Es wurde...
    Via Lewandowsky
    Okay (Archaeology of Similarity), 2010
    Neon lettering / Scritta al neon / Neonschriftzug
    43 1/4 x 68 7/8 in
    110 x 175 cm

    Die Arbeit Okay von Via Lewandowsky bezieht sich auf das sogenannte Voynich-Manuskript, eines der rätselhaftesten Bücher der Welt. Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts vom amerikanischen Antiquar Wilfrid Michael Voynich in einer jesuitischen Bibliothek bei Frascati in Italien entdeckt und befindet sich heute in der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University. 

    Seine Besonderheit liegt im Widerspruch zwischen Bild und Schrift: Während die Illustrationen botanische, anatomische, medizinische und astronomische Inhalte erkennen lassen, konnte der begleitende Text bis heute nicht entschlüsselt werden. Obwohl die Entstehungszeit inzwischen bekannt ist, bleiben Sprache und Bedeutung des Manuskripts verborgen. Besonders irritierend ist dabei, dass die Schrift auf den ersten Blick vertraut und lesbar erscheint. 

    Genau an diesem Punkt setzt Lewandowsky an. Er verwendet die charakteristischen Schriftzeichen des Voynich-Manuskripts und formt daraus das Wort „okay“ – eines der weltweit am häufigsten verwendeten Wörter. Das Ergebnis ist ebenso verblüffend wie paradox: Man meint, den Schriftzug zu verstehen, kann ihn jedoch nicht lesen. 

    Als leuchtendes Schriftobjekt erinnert Okay an Logos oder Werbetafeln im öffentlichen Raum und entwickelt zugleich einen subtilen Kommentar über Verstehen und Missverstehen, über Lesbarkeit und Täuschung in einer von Medien und Zeichen geprägten Welt. 

    Schrift dient hier nicht allein der Vermittlung von Bedeutung, sondern tritt selbst als materielles Objekt in Erscheinung. Licht, Form und räumliche Präsenz werden zu eigenständigen Bedeutungsträgern, während die Lesbarkeit bewusst ins Ungewisse verschoben wird. So wird erfahrbar, dass Materialität selbst eine Sprache sein kann – eine Sprache, die nicht vollständig entschlüsselt werden muss, um ihre Wirkung zu entfalten. 

  • Für Erwin Wurm ist buchstäblich jedes Material ein möglicher Anfang für ein Kunstwerk. Indem er Vertrautes wie Essiggurken oder Pullover...
    Erwin Wurm
    One Minute Sculptures, 1998
    Photography / Fotografia / Fotografie
    39 3/8 x 39 3/8 in
    100 x 100 cm

    Für Erwin Wurm ist buchstäblich jedes Material ein möglicher Anfang für ein Kunstwerk. Indem er Vertrautes wie Essiggurken oder Pullover aus dem Alltag herauslöst und neu präsentiert, werden die Objekte zu Symbolen unserer Gesellschaft. Diese Sprache nutzt er, um unseren Konsumfetischismus, Leistungsdruck und existenzielle Verunsicherungen humorvoll, aber treffend zu entlarven.  Mit seinen One Minute Sculptures hat Erwin Wurm den traditionellen Skulptur Begriff zudem grundlegend erweitert. Seit den 1990er Jahren entwickelt der österreichische Künstler Handlungsanweisungen, die Menschen dazu auffordern, mit alltäglichen Gegenständen oder ihrem eigenen Körper für kurze Zeit ungewöhnliche Posen einzunehmen. Die Skulptur entsteht dabei nicht als dauerhaftes Objekt, sondern als temporäre Konstellation von Körper, Material und Handlung. 

    Die fotografisch dokumentierte Arbeit zeigt einen Pullover, der durch unterschiedliche körperliche Eingriffe seine vertraute Funktion verliert und zu einer eigenständigen skulpturalen Form wird. Der Stoff wird gedehnt, gestülpt und verformt, sodass neue Volumina und Silhouetten entstehen. Das Kleidungsstück erscheint nicht länger als Gebrauchsgegenstand, sondern als Material mit eigenem Ausdruckspotenzial. 

    Der textile Stoff „spricht“ durch seine Verformbarkeit und seine Fähigkeit, auf den menschlichen Körper zu reagieren. Gleichzeitig wird der Körper selbst zum Material der künstlerischen Formgebung. Bedeutung entsteht dabei weder allein durch das Objekt noch durch die Handlung, sondern aus ihrem Zusammenspiel. Erwin Wurm führt vor Augen, dass selbst die gewöhnlichsten Materialien ein überraschendes künstlerisches Ausdruckspotenzial besitzen. 

  • Hans Schabus entwickelt Skulpturen und raumbezogene Interventionen, die häufig unmittelbar auf sein geistiges und physisches Umfeld Bezug nehmen. Dabei spielen...
    Hans Schabus
    Europahaven, Rotterdam 17. Juni 2009, 2009
    Lambda print on aluminium / Stampa lambda su alluminio / Lambada-Druck auf Aluminium
    50 5/8 x 59 7/8 in
    128.5 x 152 cm

    Hans Schabus entwickelt Skulpturen und raumbezogene Interventionen, die häufig unmittelbar auf sein geistiges und physisches Umfeld Bezug nehmen. Dabei spielen insbesondere sein Atelier sowie Themen wie Ausgrabung, Transport und Ingenieurswesen eine wichtige Rolle. Seine Arbeiten greifen oftmals ökologische und materielle Kreisläufe von Entstehung, Zerstörung und Erneuerung auf.  

    Ihm geht es dabei aber weniger um die Materialität eines einzelnen Werkstoffs, sondern um das Zusammenspiel von Objekten, Raum, Materialien und Bewegung. 

    Im Zentrum der gezeigten Fotografie Europahaven, Rotterdam 17. Juni 2009 steht das kleine Segelboot Forlorn, das der Künstler selbst gebaut hat und seit Jahren auf eine symbolische Reise durch unterschiedliche Orte und Landschaften schickt. 

    Auf dem Bild steuert der Künstler das Boot auf die gewaltigen Containerterminals des Rotterdamer Hafens zu. Die fragile Erscheinung des kleinen Wasserfahrzeugs steht dabei in starkem Kontrast zur monumentalen Infrastruktur des globalen Warenverkehrs. Zwischen individueller Reise und weltumspannenden Transportwegen entsteht ein Spannungsfeld, das Fragen nach Mobilität, Ankommen und Zugehörigkeit aufwirft. Die Arbeit vermittelt ihre Inhalte nicht durch eine erzählerische Darstellung, sondern durch die Präsenz der Materialien und Objekte selbst. Schabus zeigt, wie Dinge, Orte und Landschaften Geschichten von Bewegung, Erinnerung und Veränderung in sich tragen. So wird Material zu einer Sprache, die von menschlichen Erfahrungen ebenso erzählt wie von den Strukturen einer global vernetzten Welt. 

    • Sissi, Over the glance ties the rope, 2008
      Sissi, Over the glance ties the rope, 2008
      Details
    • Luca Pancrazzi, Aperundum, 2007
      Luca Pancrazzi, Aperundum, 2007
      Details
    • Kurt Schwitters, Asbestos Mat (SWI 55)
      Kurt Schwitters, Asbestos Mat (SWI 55)
      Details
    • A neon sign in green letters on a white background.
      Via Lewandowsky, Okay (Archaeology of Similarity), 2010
      Details
    • A photographic series of a model performing positions within their green t-shirt.
      Erwin Wurm, One Minute Sculptures, 1998
      Details
    • A Lambda photographic print on aluminium of a single boat and sailor in the Europahaven port of Rotterdam.
      Hans Schabus, Europahaven, Rotterdam 17. Juni 2009, 2009
      Details

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