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Ordnung und Konstruktion: Geometrien des Realen in der Kunst des 20. Jahrhunderts

Ordnung und Konstruktion: Geometrien des Realen in der Kunst des 20. Jahrhunderts

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  • Im Laufe des 20. Jahrhunderts—eines von tiefgreifenden historischen und kulturellen Umbrüchen geprägten Zeitalters—entwickelten zahlreiche europäische Kunstschaffende eine auf Gleichgewicht, Maß und formaler Konstruktion beruhende Bildsprache und erkannten in der Geometrie eine mögliche Antwort auf die Widersprüche des sogenannten „kurzen Jahrhunderts“. 
    Geometrie ist hier keineswegs nur ein Rückzug ins Abstrakte. Vielmehr wird sie zu einem kritischen Werkzeug: Sie hilft dabei, die Wirklichkeit neu zu ordnen und ihr wieder Stabilität, Klarheit und Dauer zu geben – und wirkt so der Zersplitterung unserer heutigen Erfahrungen entgegen.  

     

    In einer ersten Phase wird sie als regulierendes Prinzip wahrgenommen, das die visuelle Erfahrung auf ein messbares und kontrollierbares System zurückzuführen vermag. Formen werden auf das Wesentliche reduziert, Proportionen sorgfältig abgestimmt und der Raum durch einfache, aber strenge Beziehungen konstruiert. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wandelt sich diese Rolle allmählich: Die Geometrie dient nicht mehr nur dazu, die Welt zu stabilisieren oder darzustellen, sondern wird zu einer Methode, sie zu verstehen, zu analysieren und schließlich ihre tieferen Strukturen widerzuspiegeln. 

    Anhand ausgewählter Werke aus der österreichischen, deutschen und italienischen Sammlung lässt sich diese Entwicklung klar nachvollziehen.
  • In der frühen Nachkriegszeit bietet Giorgio Morandis Paesaggio (um 1925) einen besonders aufschlussreichen Zugang zum Verständnis dessen, wie die Geometrie...
    Giorgio Morandi
    Paesaggio, c.1925
    Oil on canvas / Olio su tela / Öl auf Leinwand
    21 1/2 x 15 3/8 in
    54.5 x 39 cm

    In der frühen Nachkriegszeit bietet Giorgio Morandis Paesaggio (um 1925) einen besonders aufschlussreichen Zugang zum Verständnis dessen, wie die Geometrie einen zugleich formalen und ethischen Wert annimmt: Sie ist nicht einfach eine visuelle Sprache, sondern eine Antwort auf die Notwendigkeit, in einer von Auflösung geprägten Welt eine Kontinuität der Wahrnehmung wiederherzustellen. 

    Auf der Leinwand wird der Raum durch eine Reihe wesentlicher Elemente organisiert: Gebäude werden auf kompaktes Volumen reduziert, Flächen bleiben detailfrei, Dächer sind in geneigten Ebenen zusammengefasst. In der Mitte der Komposition erhebt sich ein Schornstein, ein vertikales Element, das das Zeichen der industriellen Moderne in die Landschaft einführt. 

    Die gesamte Komposition beruht auf einem sorgfältig austarierten Gleichgewicht: Der Schornstein setzt eine klare vertikale Achse, die der vorherrschenden Horizontalität der Flächen und der Horizontlinie gegenübersteht, während sich die architektonischen VBaukörper in einer fortschreitenden Abfolge anordnen, die den Blick in die Tiefe lenkt. Auch die natürlichen Elemente—die Bäume—unterbrechen diese Ordnung nicht, sondern verdichten sich zu kompakten Massen und fügen sich vollständig in die Gesamtstruktur des Bildes ein. 

    Was Morandi konstruiert, ist keine natürliche Landschaft, sondern eine durch Maß neu zusammengesetzte Landschaft. Das Reale wird reduziert, gefiltert und in wesentlichen Relationen organisiert. Das industrielle Element wird in das kompositorische Gleichgewicht aufgenommen und zu einer reinen Form neben anderen. 

    In diesem Sinne wirkt die Geometrie als stilles, aber entscheidendes Prinzip: Sie tritt nicht als explizite Konstruktion in Erscheinung, sondern wirkt von innen heraus und stabilisiert die Wahrnehmung. Gerade diese zugleich konkrete und mentale Dimension macht Morandis Malerei zu einer der tiefsten Voraussetzungen der visuellen Kultur der Nachkriegszeit. 

  • Seit den 1960er- und 1970er-Jahren, in einem Kontext zunehmender Urbanisierung und industrieller Transformation, verliert die Geometrie ihre beinahe introspektive Dimension...
    Gabriele Basilico
    Milano ritratti di fabbriche, 1978-80
    Silver jelly print, vintage / Stampa alla gelatina d’argento, vintage / Silber Gelee Print, Vintage
    15 3/4 x 11 3/4 in
    40 x 30 cm

    Seit den 1960er- und 1970er-Jahren, in einem Kontext zunehmender Urbanisierung und industrieller Transformation, verliert die Geometrie ihre beinahe introspektive Dimension und wird zu einem Instrument einer expliziten Lesart der Welt. 

     

    Im Werk von Gabriele Basilico wird dieser Wandel besonders deutlich. In Milano. Ritratti di fabbriche (1978–1980) wird die Stadt nicht mehr in ihren erzählerischen oder monumentalen Aspekten betrachtet, sondern als Struktur dargestellt. Ein hohes Gebäude, gegliedert durch die regelmäßige Wiederholung der Fenster, dominiert die Szene; im Vordergrund führt ein niedrigeres Bauwerk eine zeitliche Schichtung ein, während ein Netz von Kabeln den Raum durchzieht und ihn durch horizontale Linien weiter strukturiert. 

    Das Bild ist durch klare geometrische Beziehungen aufgebaut: modulare Flächen, wiederholte Sequenzen und Linien, die Orientierungsachsen definieren. Die Fotografie beschränkt sich nicht darauf, die Realität zu erfassen, sondern organisiert sie und macht sie lesbar. Die Stadt tritt als System hervor, das nach Logiken von Ordnung und Wiederholung strukturiert ist. 

    In Basilicos Fotografien wird die Geometrie somit zu einem Erkenntnisinstrument: Sie ermöglicht es, die rationale und zugleich komplexe Dimension des zeitgenössischen Raums zu erfassen und dessen Schichtungen sowie die Spannungen zwischen Ordnung und Transformation sichtbar zu machen. 

  • Diese Spannung zwischen Ordnung und Komplexität findet im Werk von A. R. Penck eine weitere Entwicklung. Wenn Basilico die geometrische...
    A. R. Penck
    West 80, 1980
    Gouche on paper / Guazzo su carta / Gouche auf Papier
    26 3/8 x 38 5/8 in
    67 x 98 cm

    Diese Spannung zwischen Ordnung und Komplexität findet im Werk von A. R. Penck eine weitere Entwicklung. Wenn Basilico die geometrische Struktur des Raums sichtbar macht, überträgt Penck deren Prinzipien auf die Ebene der Sprache. 

    In seinem Werk West 80 (1980) ordnen sich elementare Formen - Volumen, Zeichen, Punkte -auf einer Fläche ohne perspektivische Tiefe an und bilden eine Komposition, die durch grundlegende Beziehungen aufgebaut ist. Der Raum wird nicht mehr in Begriffen von Distanz oder architektonischer Gliederung organisiert, sondern als ein Feld von Interaktionen zwischen minimalen Einheiten. 

    In diesem Zusammenhang entwickelt Penck eine neue, synthetische Bildsprache, in der die Geometrie nicht aus der Beobachtung der Wirklichkeit hervorgeht, sondern aus der Konstruktion eines symbolischen Systems, das von elementaren Codes, Diagrammen und archaischen Formen inspiriert ist und durch das die Komplexität der Realität in Struktur übersetzt wird. 

    Entscheidend ist nicht die Ähnlichkeit mit der Welt, sondern die Möglichkeit, ein lesbares System zu schaffen, das auf internen Regeln und nachvollziehbaren Beziehungen beruht. Die Geometrie übernimmt so eine neue Funktion: Sie ist nicht mehr ein Instrument der Darstellung oder Analyse, sondern ein Code, der die Realität in wesentliche und unmittelbar erkennbare Konfigurationen verdichten kann. 

  • Seit den 1990er-Jahren vollzieht die Geometrie eine entscheidende Transformation: Sie löst sich zunehmend von der Aufgabe, die Wirklichkeit zu beschreiben...
    Imi Knoebel
    Sitting in the morning sun II, 1993
    Acrylic on wooden panel / Acrilico su pannello di legno / Acryl auf Holzplatte
    46 x 46 x 5 3/8 in
    117 x 117 x 13.8 cm

    Seit den 1990er-Jahren vollzieht die Geometrie eine entscheidende Transformation: Sie löst sich zunehmend von der Aufgabe, die Wirklichkeit zu beschreiben oder zu interpretieren, und konfiguriert sich stattdessen als ein autonomes System, das auf inneren Beziehungen beruht und von jedem äußeren Bezug unabhängig ist. 

    In Imi Knoebels Werk Sitting in the Morning Sun II (1993) zeigt sich dieser Zustand in einer äußerst reduzierten Konstruktion. Zudem setzt sich der Künstler verstärkt mit Aluminium als Bildträger auseinander, um die traditionelle, zweidimensionale Leinwand als Fläche zu verlassen. Dabei verwendet er Platten und Profile aus diesem Material als eigenständige Bildträger, die er individuell bemalt, schichtet und zu reliefähnlichen Objekten zusammenfügt. Das Wechselspiel zwischen offenen und geschlossenen Flächen erzeugt dabei eine besondere visuelle Spannung. 

    Die Geometrie erfüllt keine darstellende Funktion mehr, sondern behauptet sich als Präsenz. Form und Farbe beschreiben oder verweisen nicht, sondern bestehen als autonome Beziehungen, die ausreichen, um innerhalb des Werkes selbst Bedeutung zu erzeugen. 

  • Diese Autonomie entwickelt sich im Werk von Gerold Tagwerker weiter, in dem die Geometrie eine ausdrücklich systemische Dimension annimmt. In...
    Gerold Tagwerker
    nightpiece#15, 2001
    S/w print on aluminium / Stampa in bianco e nero su alluminio / S/W-Druck auf Aluminium
    70 7/8 x 43 1/4 in
    180 x 110 cm

    Diese Autonomie entwickelt sich im Werk von Gerold Tagwerker weiter, in dem die Geometrie eine ausdrücklich systemische Dimension annimmt. In nightpiece#15 (2001) organisiert sich die Oberfläche durch Raster und wiederholte Module nach einer Logik der Iteration, die jede traditionelle kompositorische Hierarchie ersetzt. Das Bild entsteht nicht mehr durch das Gleichgewicht zwischen einzelnen Teilen, sondern durch die Akkumulation und Wiederholung minimaler Einheiten und erzeugt so eine potenziell unendliche Struktur. 

     

    Das Raster wird hier zum generativen Prinzip des Werkes: nicht bloß ein visuelles Mittel, sondern ein operatives Modell. Die Wiederholung führt nicht zu statischer Gleichförmigkeit, sondern bringt minimale Variationen hervor, die eine subtile Wahrnehmungsinstabilität erzeugen und eine Wirklichkeit andeuten, die auf Prozessen, Sequenzen und fortlaufender Neudefinition beruht. Die Geometrie stellt die Welt nicht mehr dar und übersetzt sie auch nicht in einen Code; vielmehr übernimmt sie unmittelbar deren Funktionsweise 

     

  • Jakob Gasteiger, Ohne Titel, 2006
    Artworks

    Jakob Gasteiger

    Ohne Titel, 2006

    An diese Forschungslinie knüpft die Arbeit des österreichischen Künstlers Jakob Gasteiger an. In der Arbeit Ohne Titel (2006) wird die malerische Oberfläche durch einen kontrollierten und wiederholten Prozess aufgebaut, bei dem die Farbe mithilfe von Werkzeugen verteilt wird, die ihren Auftrag in regelmäßigen Abfolgen steuern. Daraus entstehen horizontale Flächen und übereinanderliegende Farbbänder, in denen tiefe Blautöne mit dunkleren, kompakteren Registern in Dialog treten und eine schlichte, zugleich aber vielschichtige visuelle Struktur hervorbringen. 

    Die Geometrie zeigt sich in diesem Fall nicht als offensichtliches visuelles Schema, sondern als ein operatives Prinzip, das die Entstehung des Bildes bestimmt. Minimale Variationen, rhythmische Abfolgen und die Spannung zwischen Gleichförmigkeit und Differenz erzeugen eine vibrierende Oberfläche, in der die Geste auf ein Minimum reduziert und einem System anvertraut ist. Das Werk konfiguriert sich somit als ein Feld innerer Beziehungen, in dem die geometrische Konstruktion mit dem eigentlichen Entstehen des Bildes zusammenfällt und den im Verlauf des 20. Jahrhunderts begonnenen Prozess der Autonomie der Form auf die Spitze treibt. 

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